Festival Reloaded

Literarische Nahversorgung in schwierigen Zeiten: von Juli bis Oktober 2020 in der ganzen Steiermark

Gerade jetzt möchten Sie auf neue Dramatik nicht verzichten? Ist nicht die Frage, was junge Autor*innen über die Gegenwart und über die Zukunft denken und beobachten, jetzt interessanter denn je?

Festival Reloaded präsentiert Texte – Monologe und Ausschnitte aus Stücken von Ferdinand Schmalz, Anah Filou, Miroslava Svolikova, Nava Ebrahimi, Natascha Gangl, Claudia Tondl, Max Smirzitz und anderen. Live und nicht digital. Direkte Begegnungen mit Abstand, aber Begegnungen, ganz analog.

Im Sinne der Literarischen Nahversorgung – einem gemeinsamen Schwerpunkt mit dem Theaterland Steiermark – bleibt das DRAMA FORUM nicht in Graz und wartet auf das Publikum. Es bringt das Theater zu den Leuten, nach Radkersburg, nach Deutschlandsberg, nach Stadl an der Mur. Mit Hilfe von weiteren Partnern vor Ort (dem Theaterzentrum Deutschlandsberg, dem Griessner Stadl, Privatpersonen) wird der Beweis angetreten, dass zeitgenössischen Dramatik was zu sagen hat, dass einem was entgeht, wenn man da nicht hingeht. Am Ende führt der Weg nach Graz zurück, in die verwunschenen Gärten des Volkskundemuseums, wo man sich wie in einem Stationendrama von Ort zu Ort bewegt und so auf spannendes Theater trifft.

Terminübersicht
23. und 24. Juli 2020: Bad Radkersburg
21. und 22. August 2020: Stadl an der Mur
28. und 29. August 2020: Deutschlandsberg
10. bis 12. September 2020: Graz
3. und 4. Oktober 2020: Graz

Wir freuen uns schon auf unser Publikum, seien Sie sicher, wir sorgen gut für Sie. Wir achten darauf, dass Sie Theater genießen können ohne sich Sorgen zu machen, dass Sie für einen Moment vergessen können, wie schwierig die Zeit ist, in der wir leben.

Informationen zu Programm und Reservierungen finden Sie HIER

© Rappel

Dear Authors, dear Colleagues, dear Audience!

The 5 th edition of the international DRAMA|TIK|ER|INNEN|FEST|IVAL Graz – which should have taken place this June under the theme of “ÜBER MORGEN” – will be postponed to June 2021. We (the uniT DRAMA FORUM and Schauspielhaus Graz) have been preparing for months and we had very much looked forward to this week, so it is not easy for us to make this statement. Of course, all independent artists and groups have been hit particularly hard by cancellations in the cultural sector, and since the government’s declaration we have been in close contact with all those who, in fact, made up the festival with their plays, texts and ideas, trying to find feasible solutions together.

This 5th anniversary festival was to be a very special edition of the international DRAMA|TIK|ER|INNEN|FEST|IVAL. We were in the process of developing cooperation projects with many institutions in Graz but also from all over Europe: with projects within the framework of the Graz Kulturjahr 2020, the international theatre conference of the European Theatre Convention, a programme featuring Flemish and Dutch authors, the participation of the network “The Fence” as well as the “Young Europe”-festival, a theatre and discourse programme for young audiences, the finale of a cooperation project between nine European member theatres of the European Theatre Convention.

We wanted to create spaces for an exchange of ideas between domestic and international authors, artists, journalists, students from schools and universities, colleagues and the audience through the means of contemporary drama. Under the motto of “ÜBER MORGEN”, we were going to talk about potentially terrible, but also desirable versions of tomorrow and about what we might do to promote some developments and prevent others. But life happened faster and the world is changing at a rapid pace. Concerns about everyone’s health are at the focus of attention now, an important issue that is making great demands on us all. The question of how we want to design our future is becoming more urgent than ever: What will we learn from this crisis? Which attitudes will gain the upper hand? Will there be upheavals or continuity in existing systems? These are all questions and issues that lend themselves to artistic analysis. And we would like to already invite you today to the next festival in June 2021 and to the activities of DRAMA FORUM and Schauspielhaus Graz this summer and autumn. Because unlike us, texts don’t have to stay at home: They will find new ways of reaching their audience!

We are making plenty of plans: Over the coming weeks, we will create a visual framework for more encounters with the authors and their works. We will begin by displaying texts – including excerpts from the cancelled festival – on text-banners: Sentences written by authors will appear in windows, spilling from private spaces into the public sphere, messages for passers-by and friends. We will welcome and collect all responses – text generating text, input generating responses, conversations in and about language, taking place beyond the internet.

In order to continue giving a stage to contemporary drama, Schauspielhaus Graz has also launched the series #neuesdramazuhause. Around two dozen authors from various countries have been commissioned with mini-dramas that will be turned into short videos by actors from our theatre and presented on the website and social media channels (Facebook and Instagram) of Schauspielhaus Graz.

In cooperation with their long-standing partner Theaterland Steiermark, DRAMA FORUM will present theatre texts by 10 authors at various locations throughout Styria. Listening installations in empty shops, monologues in open fields, staged reading in gigantic halls… all of it completely analogue.

We are looking forward to seeing you again in June 2021 – until then, we wish you all the best of health and strength!

Liebe Autor*innen, liebe Kolleg*innen, liebes Publikum!

Die fünfte Ausgabe des internationalen DRAMA|TIK|ER|INNEN|FEST|IVALS Graz – das unter dem Motto ÜBER MORGEN im Juni stattfinden sollte – wird auf Juni 2021 verschoben. Wir (das DRAMA FORUM von uniT und das Schauspielhaus Graz) waren seit Monaten mit den Vorbereitungen beschäftigt und haben voller Vorfreude auf den Juni geblickt, diese Mitteilung fällt uns daher nicht leicht. Die vielen freien Künstler*innen und Gruppen treffen die momentanen Absagen im Kunstbereich natürlich besonders schwer und wir stehen seit Bekanntgabe der Regierung im Austausch mit allen, die mit ihren Stücken, Texten und Gedanken quasi das Festival bilden, um mit ihnen gemeinsam gute Lösungen zu finden.

Für das 5-jährige Jubiläum des internationalen DRAMA|TIK|ER|INNEN|FEST|IVALS war eine ganz besondere Festivalausgabe im Entstehen, die viele Institutionen in Graz, aber auch aus ganz Europa miteinbeziehen sollte: mit Projekten im Rahmen des Graz Kulturjahres 2020, der internationalen Theaterkonferenz der European Theatre Convention, einem Programmpunkt mit flämischen und niederländischen Autor*innen, der Teilnahme des Netzwerks „The Fence“ sowie dem „Young Europe“-Festival, einem Theater- und Diskursprogramm für junges Publikum, das Finale der Zusammenarbeit neun europäischer Theater im Rahmen der European Theatre Convention.

Unser Ziel war es, Räume zu schaffen, um mit (inter)nationalen Autor*innen, Künstler*innen, Journalist*innen, Studierenden, Schüler*innen, Kolleg*innen und dem Publikum mittels zeitgenössischer Dramatik ins Gespräch zu kommen. Unter dem Motto ÜBER MORGEN wollten wir über mögliche schreckliche, aber auch erstrebenswerte Versionen von „übermorgen“ sprechen und darüber, was wir möglicherweise tun können, um manche Entwicklungen zu befördern oder zu verhindern. Das Leben war schneller und die Welt verändert sich gerade rasant. Nun steht die Sorge um die Gesundheit aller im Mittelpunkt, ein wichtiges Anliegen, das uns einiges abverlangt. Die Frage, wie wir Zukunft gestalten wollen, wird dringlicher denn je: Was lernen wir aus dieser Krise? Welche Haltungen werden die Oberhand gewinnen? Kommt es zu Brüchen oder Kontinuitäten bestehender Systeme? All das sind Fragen und Impulse für künstlerische Auseinandersetzungen. Dazu laden wir heute schon ein: zum nächsten Festival im Juni 2021 und zu Aktivitäten des DRAMA FORUM und des Schauspielhaus Graz diesen Sommer und Herbst, denn Texte müssen nicht zuhause bleiben: Sie finden neue Wege, um an ihr Publikum zu kommen!

Wir wollen u.a. in den kommenden Wochen einen visuellen Rahmen für weitere Begegnungen mit den Autor*innen und ihren Arbeiten entstehen lassen. So werden zunächst Texte – auch aus dem abgesagten Festival – auf Textfahnen zu sehen sein: Sätze von Autor*innen erscheinen an Fenstern, quellen aus dem Privatraum in die Öffentlichkeit, sind Botschaften für Passant*innen und Freund*innen. Reaktionen darauf sind gefragt und werden gesammelt – Text generiert Text, Impulse generieren Antworten, Begegnungen in und über Sprache finden jenseits vom Netz statt.

Um zeitgenössischer Dramatik weiterhin eine Bühne zu bieten, hat das Schauspielhaus Graz außerdem die Reihe #neuesdramazuhause ins Leben gerufen. So wurden etwa zwei Dutzend Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern beauftragt, Minidramen zu schreiben, die von Schauspieler*innen des Ensembles in kurzen Videos umgesetzt und ab Mai 2020 fortlaufend auf der Homepage des Schauspielhauses und auf dessen Social Media-Kanälen Facebook und Instagram veröffentlicht werden.

Und das DRAMA FORUM präsentiert gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Theaterland Steiermark Theatertexte von 10 Autor*innen an verschiedenen steirischen Orten. Hörinstallationen in leeren Geschäften, Monologe auf freiem Feld, szenische Lesungen in riesigen Hallen… alles richtlinienkonform und dennoch ganz analog.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Juni 2021 und wünschen bis dahin allen viel Gesundheit und Kraft!

ÜBER MORGEN Die fünfte Ausgabe des internationalen DRAMA|TIK|ER|INNEN|FEST|IVALs Graz wird auf Juni 2021 verschoben.

Mit dem 5-jährigen Jubiläum des Festivals, das von SCHAUSPIELHAUS GRAZ und DRAMA FORUM von uniT, unterstützt durch den Deutschen Literaturfonds e.V. ausgerichtet wird, war eine besondere Festivalausgabe im Entstehen, die viele Institutionen in Graz, aber auch aus ganz Europa miteinbeziehen sollte:
mit Projekten im Rahmen des Kulturjahres 2020, der internationalen Theaterkonferenz der European Theatre Convention, deren Vizepräsidentin Iris Laufenberg ist, einem Programmpunkt mit flämischen und niederländischen Autor*innen, der Teilnahme des Netzwerks „The Fence“ sowie dem „Young Europe“-Festival, einem Theater- und Diskursprogramm für junges Publikum.

Unter dem Motto ÜBER MORGEN sollten über mögliche schreckliche, aber auch erstrebenswerte Versionen von „übermorgen“ gesprochen werden und darüber, was wir möglicherweise tun können, um manche Entwicklungen zu befördern oder zu verhindern.

Die Frage, wie wir Zukunft gestalten wollen, wird dringlicher denn je: Was lernen wir aus dieser Krise? Welche Haltungen werden Oberhand gewinnen? Kommt es zu Brüchen oder Kontinuitäten bestehender Systeme? All das sind Fragen und Impulse für künstlerische Auseinandersetzungen. Daher laden das Schauspielhaus Graz und uniT schon heute zum nächsten Festival im Juni 2021.

(Online-)Reihen #neuesdramazuhause und „Texte auf Textfahnen“ versorgen das Publikum mit künstlerischen Impulsen:

Texte auf Textfahnen (uniT):

Sätze von Autor*innen erscheinen an Fenstern, quellen aus dem Privatraum in die Öffentlichkeit, sind Botschaften für Passant*innen und Freund*innen. Reaktionen darauf sind gefragt und werden gesammelt – Text generiert Text, Impulse generieren Antworten, Begegnungen in und über Sprache finden jenseits vom Netz statt.

#neuesdramazuhause (Schauspielhaus Graz):

Etwa zwei Dutzend Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern wurden beauftragt, Minidramen zu schreiben, die von Schauspieler*innen des Ensembles in kurzen Videos umgesetzt und ab Ende Mai 2020 fortlaufend auf der Homepage des Schauspielhauses und auf dessen Social Media-Kanälen Facebook, Instagram und YouTube veröffentlicht werden.

Online-Stream von „Bookpink“ (Schauspielhaus Graz):

In ihrer Fabel „Bookpink“ (plattdeutsch für Buchfink) erzählt die junge Autorin Caren Jeß, die im Rahmen des von uniT vergebenen Retzhofer Dramapreises 2019 mit einem Nebenpreis ausgezeichnet wurde, anhand tierischen Personals von menschlichen Abgründen, sozialen Schieflagen und leidenschaftlich geführten gesellschaftlichen Debatten. Das Stück wurde von Anja Michaela Wohlfahrt für das Schauspielhaus zur Uraufführung gebracht und mit einer Einladung zu den renommierten Mülheimer Theatertagen 2020 ausgezeichnet. Die Inszenierung ist ab Donnerstag, den 21. Mai, für 14 Tage online auf der Website des Schauspielhaus Graz zu sehen.

alles richtlinienkonform und dennoch ganz analog (uniT):

Das DRAMA FORUM präsentiert gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Theaterland Steiermark Theatertexte von 10 Autor*innen an verschiedenen steirischen Orten. Hörinstallationen in leeren Geschäften, Monologe auf freiem Feld, szenische Lesungen in riesigen Hallen …

Black? White? HUMAN!

Mit ihrem Programm Black Off nützen Ntando Cele und ihre schweizer Band den Grazer Dom im Berg als Bühne zum Kampf gegen Rassismus und Vorurteile.

Ein – mit weißem Licht hell beleuchteter – Schminkspiegel, der an vergangene Hollywood-Zeiten à la Marilyn Monroe erinnert, strahlt von der Bühne herab. Was danach kommt, kann durchaus als Hollywood-reife Leistung bezeichnet werden: Ntando Cele – alias Bianca White – betritt die Bühne und der Name ist hier Programm: Weiß, wohin das Auge reicht – vom asiatischen Kimono über die blonden Haare bis zur mit weißer Schminke bemalten Haut, die die afrikanischen Wurzeln bestmöglich verdecken soll. Sich selbst als Afropolitan – also ein Mensch aus Afrika, der die Welt ohne schäbiges Boot bereist – bezeichnend, ist sie stolz darauf, ihre inner whiteness gefunden zu haben. Doch, wie im richtigen Leben, kann auch Bianca White ihre wahre Identität nicht auf Dauer leugnen und so verwandelt sie sich im zweiten Teil in ihr Alter Ego, Vera Black, die als Punk-Rockmusikerin im Leder-Nieten-Body das genaue Gegenteil vom meditierenden, Prosecco trinkenden Gutmenschen Bianca ist und ihren weißen Mitmenschen unverschont ehrlich sagt, was sie von ihnen hält – nämlich nichts.

Die gebürtige Südafrikanerin Ntando Cele spielt in ihrem Bühnenprogramm Black Off mit allgegenwärtigen Stereotypen und alltäglichen, rassistischen Spitzfindigkeiten. Die Verschiedenheit der zwei Identitäten, die in ihr wohnen, zieht sich durch sämtliche Ebenen hindurch. Während der erste Teil durch überladene Kostüme und Maske gekennzeichnet ist, prägt nach der Pause Schwarz das Bild. Unterstützt wird dieses Konstrukt der Antithese von einer grandiosen Band: Patrick Abt (Gitarre und Sidekick), Pit Hertig (Schlagzeug) und Simon Ho (Piano) entführen das Publikum mit ihren Klängen anfangs in einen Jazz-Club, um am Ende bei einem Rock-Konzert mit kritischen Tönen zu landen. Der zentrale Bruch beginnt kurz vor der Pause, als die Metamorphose einsetzt: Die überladene Schminke wird auf der Bühne abgewischt und das gesamte, maskenlose Gesicht der Darstellerin in seinen Einzelheiten via Kamera dargestellt.

Im Verlauf des Abends wird das Repertoire an Klischees und Vorurteilen gegenüber den angeblich weißen, intelligenten und kultivierten Europäern sowie den als dumm, ungebildet und versklavt dargestellten Afrikanern bis aufs Letzte ausgeschöpft. Da kann es nur als logische Schlussfolgerung angesehen werden, dass ein dunkelhäutiger Mann aus dem Publikum auf die Bühne geholt wird, um der weißen Bianca White dienerartig das Mikrofonkabel zu tragen. Auch die anschließende Aufforderung Imagine, there are just white people around us! dürfte ihn vor keine große Herausforderung gestellt haben und sorgt für Lacher im Publikum, die einem bei genauerem Nachdenken jedoch im Halse stecken bleiben.

Wie heikel das Thema in Wahrheit nämlich ist, zeigt sich, als sich Bianca White direkt an die ZuschauerInnen wendet und die Frage stellt: How do you call black people in Austria? – Die Antwort: Stille. Auch die Videosequenzen und Fotos, die über eine Leinwand eingespielt werden, regen zum Nachdenken an: Warum nicht von einer Welt träumen, in der es keine Hautfarben gibt, in der alle einfach das sind, was sie sind – nämlich Menschen?  Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass im Grunde alles doch sehr einfach wäre, wenn man sich endlich von alteingesessenen Mustern und Konventionen lösen würde – die Tatsache, dass für diesen Satz auch im Jahr 2019 noch der Konjunktiv verwendet werden muss, ist jedoch bezeichnend.

Ines Hölzl, Iris Liebminger

Keine Ahnung, wie der Titel lauten soll

Sandra und Kassandra spielen zu zweit auf einem Akkordeon. Eine trägt einen Hut, der aussieht wie eine goldene Walnuss, die andere brüllt entsetzt „Du hast ‚Darm mit Charme‘ nicht gelesen!?“

Manchmal benutzen wir Wörter, deren Bedeutung wir nicht genau kennen, um fotosynthetischer zu wirken. Das macht keinen Sinn? In solchen Gesprächen haben sich viele wohl bereits selbst erwischt: wir wollen besonders wortgewandt und intelligent wirken, um den Eindruck zu erwecken, wir hätten einen Plan. Doch wir haben alle manchmal einfach keine Ahnung, wovon wir gerade reden. Also: „Hören Sie auf zu tun als würden Sie irgendetwas wissen!“

In „Keine Ahnung“, einer Produktion von uniT Graz und Sophiensäle Berlin, bringt Regisseurin Nele Stuhler eine meta-philosophische Zeitreise auf die Bühne des Theater am Lend. Von der Entstehung des Universums über die Steinzeit und rund um kluge Köpfe der Antike – Sandra (Paula Thielecke) und Kassandra (Sarah Gailer), führen in drei „Vorlesungen“ durch den Abend:
1. „Was man weiß“ – nichts weiß man sicher
„2. Was man nicht weiß“ – alles andere eben
und „3. Was jetzt noch kommen soll“ – Keine Ahnung.

Sandra, die für das „Nicht-Verstehen“ steht, muss irritierende Befehle ihres Gegenpols Kassandra ausführen: „Finden Sie Anschluss zu einer Urhorde!“ Sandra, im Moment in der Steinzeit befindlich, muss mit den Einrichtungsgegenständen eine Familienstruktur bilden. Wenn sie sich weigert, sich mit den Einzelteilen der rot-orangen „100% Antike Säule made in Troja“ zu unterhalten, wird die Aufforderung so oft wiederholt, bis Sandra sie ausführt. Dabei wird das Geschehen zusätzlich von fun-facts über die Produktion des Stücks begleitet, die über den Köpfen eingeblendet sind und regelmäßig für Gelächter im Publikum sorgen.

Die beiden Schauspielerinnen trotzen der Hitze im Saal und erfrischen das Publikum mit Power und Witz. Wenn plötzlich „freihändig“ Akkordeon gespielt wird, eine goldene Riesenwalnuss als Gehirn-Hut getragen, oder über Polly-Pocket und die Sitzposition beim Stuhlgang (lesen Sie unbedingt „Darm mit Charme“!) philosophiert wird, verschwimmen die Grenzen von Ahnung und Wissen – keine Ahnung und Unwissen. Und im Laufe des Abends wird klar, die zu Beginn überlegene Kassandra, ist in Wahrheit Sandra gleichgestellt. 
Wenn man angestrengt versucht, die vielen Meta-Ebenen des Stücks zu verstehen, scheint es, dass es im Sinne des Konzepts liegt, den Zuschauer verwirrt zurückzulassen – man hat eben keine Ahnung.

Chiara Šarko

Niemand hat uns jemals gefragt

Sieben Mädchen, eine Klassenfahrt – und ein großer Skandal. Tanja Šljivar rollt in „Die Draufgängerinnen (All Adventurous Women Do)“ ein Medienereignis aus 2014 neu auf: In der Regie von Salome Dastmalchi entwickelt sich das Gastspiel des Jungen Deutschen Theaters Berlin zu einem Abend, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und dennoch lieber schweigt.

Sieben in orange Overalls gehüllte Teenager bewegen sich auf einer kleinen, steril weißen Bühne. Der Kontrast? Der könnte krasser nicht sein. So wie auch der in ihren Leben, die damals noch anders waren. Damals, vor der Klassenfahrt. Damals wurden heimlich Zigaretten geraucht, heimlich über die erste Liebe geredet, heimlich über das erste Mal fantasiert.

Heute sind sie zurück. Heute halten sie „in der rechten Hand die Zigarette, in der linken den Schwangerschaftstest“. Ana (Peter Steden), Ena (Eren Gündar), Ina (Livia Marlene Wolf), Ona (Marthe Müller Lütken), Una (Chenoa North-Harder), Lea (Emmi Büter), Mia (Bruno Liebler) sind schwanger, positiv. Zwischen damals und heute: fünf Tage. Fünf Tage, und „keine kann sich genau erinnern, wie DAS war, mit wem DAS war, warum DAS war“.

„Papa où t’es?“

Das Stück bringt 90 Minuten Ungewissheit und die stete Frage nach dem WARUM, die bis zum Schluss nie beantwortet wird. Basierend auf einem medialen Skandal aus dem Jahr 2014, bei dem sieben bosnische Teenager schwanger von einer Klassenfahrt zurückkehrten, lässt die Regisseurin das Grundgerüst der Handlung angelehnt an das Original und stellt sieben junge Personen auf die Bühne, die selbst noch nicht viel vom Leben wissen, jedoch bereits ein neues in sich tragen. Die weiße Bühnenverkleidung (Ausstattung: Paula Wellmann) ist mit Hashtags bedruckt und wird im Laufe des Abends mit Penissen und obszönen Wörtern bemalt – wie man das eben so macht auf Klassenfahrt. Bei der anfänglichen Stricherlliste, wer denn der Vater sein könnte, wird noch viel gekichert. Passend dazu schallt Stromaes „Papaoutai“ aus den Lautsprechern, so wie Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“.

Das Publikum sieht die sieben Teenager bei der Schwangerschaftsgymnastik und beim Vorbereitungskurs, bei dem sie an ihren Alter Egos in Barbiepuppen-Form den richtigen Umgang mit Kindern üben. Teenager und Barbies, Teenager und Sex. Welch Ironie. Gefragt werden sie niemals, nicht auf der Straße, nicht vom Arzt, nicht von den Eltern, nicht in der Schule, nicht vom Publikum. Das Thema – ein Tabu. Wie soll denn das gehen, es sind ja schließlich noch Kinder, werden die langsam rund werdenden Bäuche leichtfertig aus der Welt gelacht. Am Ende ist dann jedoch keinem mehr nach Lachen zumute.

Dastmalchis Inszenierung wird durch das großartige schauspielerische Talent des jungen Ensembles zu einem kurzweiligen Abend mit hintergründiger Tiefe. Die AkteurInnen beeindrucken mit starkem, authentischem Spiel und vermögen es, die heikle Thematik in jenem Schweigemantel zu servieren, der seitens der Gesellschaft nur mit Samthandschuhen angefasst wird. Denn am Ende „hat noch niemand jemals gefragt“.

Katharina Hoi

Freundliche Todesbefehle

Gibt es noch eine Hemmschwelle, wenn Brutalität virtuell stattfindet? Wenn Gewalt ohne gegenseitige Blicke in verletzliche Augen ausgeübt wird? Diese Fragen stellt Regisseur Julian Hetzel mit seinem eindringlichen Schauspiel „The Automated Sniper“ dem Publikum des Dramatikerinnen-Festivals. Eine Antwort liefert die Aufführung in Form eines eindrucksvollen Kriegsspiels.

Florian Karelly

Eine heiter klingende Frauenstimme aus dem Off (Ana Wild) heißt das Publikum herzlich willkommen und erklärt die Hard Facts zum weiteren Verlauf. Eine ferngesteuerte, vollautomatische Waffe (Design Hannes Waldschütz) schießt von der Decke herabhängend Farbkugeln auf die vollkommen weiße Bühne – und auf die die beiden Schauspieler. Das Publikum wird dazu eingeladen, am Spiel teilzunehmen, indem es die Waffe steuert. Noch wirkt alles humorvoll und nonchalant. Also lasst uns spielen – Freiwillige vor!

Level 1

Die freundliche Stimme aus dem Off bringt dem ersten Mitspieler die Bedienung der automatisierten Waffe nahe. Mittels Joysticks und Knöpfen wird die Maschine aus einem für Publikum und Schauspieler nicht ersichtlichen Raum gesteuert und abgefeuert. Im Sinne eines Tutorials lernt der Freiwillige das Zielen, das präzise Schießen und wie viel Spaß es machen kann, Krieg zu spielen. Die weißen Wände des sterilen Bühnenbilds bekommen dadurch Farbe verliehen, auch die Requisiten, wie Stühle, Satellitenschüsseln und Plexiglasscheiben werden beschossen. Nach dem Tutorial tritt der Spieler aus dem abgetrennten Raum wieder hervor. Es gibt Applaus!

Level 2

Die freundliche Stimme aus dem Off wählt erneut einen Freiwilligen aus. Die nächste Aufgabe besteht darin, sämtliche Objekte auf der Bühne zu zerschießen. Die großartigen Performer – Bas van Rijnsoever und Claudio Ritfeld – setzen bereits Schutzmasken auf, doch diese werden noch nicht benötigt. Die Lage wird angespannter, erzeugt durch eine bedrohlich klingende Soundkulisse und die allmählich beunruhigende Stimme. Die Mission glückt. Applaus!

Level 3

Nächstes Ziel der ferngesteuerten Waffe sind nun die beiden Schauspieler. Der Schütze aus dem Publikum zögert ein wenig, aber die Stimme aus dem Off klingt doch so bestimmt und vertraulich. Warum also nicht schießen? Zwei Schüsse ins Gesicht, danach unzählige Schüsse auf die fliehenden, sich Deckung suchenden Opfer. Als Teil des Publikums ist man sich nicht sicher, ob es sich noch geziemt, an diesem Spiel gefallen zu finden. Doch die Mission glückt, also Applaus!

Next Level Shit

Die mittlerweile aufgrund ihrer Freundlichkeit pervers anmutende Stimme stellt den nächsten Spieler vor: einen Profi-Gamer in und aus Bagdad. Aus einem Zimmer im Nahen Osten steuert er die Waffe und feuert hunderte Kugeln auf die hilflosen Schauspieler ab. Beinahe jeder Schuss trifft, obwohl er sich tausende Kilometer entfernt aufhält. Sein Gesicht wird auf die Wände projiziert, das Publikum kann ihn hören und sehen. Nach einem regelrechten Farbkugelmassaker bricht die Verbindung in den Irak ab, doch das Spiel ist noch nicht zu Ende: Die Projektionen des Profispielers laufen fließend in reale Drohnenaufnahmen über. Nun sterben echte Menschen, geschossen wird nicht mit Farbkugeln, sondern mit scharfer Munition. Aus Spaß wird Ernst, aus Spiel wird Krieg. Und das Publikum sieht weiterhin zu.

Make Art Great Again

Was am Ende von der Bühne übrig bleibt, ist ein buntes Schlachtfeld, ein farbiges Denkmal an moderner Kriegsführung. Die Performer schreiben mit schwarzer Sprühfarbe „Make Art Great Again“ an die Wand – eine Kriegserklärung an den Krieg. Dem international gefeierten Künstler Julian Hetzel und seinem Team gelingt mit „The Automated Sniper“ ein gelenkiger Spagat zwischen kritischem Pamphlet und spannendem Spiel. Das Gastspiel des Frascati Theater Amsterdam beschwört mit dem Theaterspiel Kunst zu einer moralischen Norm und verblüfft damit das Grazer Publikum.

Glauben an Karlsson

Es wird nass auf der Bühne von Haus Eins: Gespräch mit dem Regen von Stijn Devillé zeigt, wie Trauer und Verlust in Zeiten von Web 2.0 gehen kann. Wieso man ruhig mal an Karlsson vom Dach glauben darf. Und wieso Sterben nicht gleich der Tod der Hoffnung sein musss.

Null. Eine Zahl, eine Linie rund um Leere. Eine Leere wie jene, die der Unfalltod ihrer 14-jährigen Tochter Hanna in Adam (Tom Van Bauwel) und Nikki (Sara Vertongen) zurücklässt. Das Ehepaar versucht einen Neustart in Singapur,wo sie als CEO einer Nanotechnologie-Firma arbeitet und er als schreibblockierter Autor durch den Monsun streift – und sich beinahe selbst verlieren, denn für Eltern, deren Kind gestorben ist, gibt es kein Wort. Schweigen ist aber auch nicht die richtige Medizin, wie das Ehepaar langsam erkennt. Türmt es sich anfangs bei den morgendlichen Abschieden, wenn Nikki zur Arbeit geht, zwischen ihnen wie eine Mauer, arbeiten sie Schritt für Schritt daran, sie einzureißen, sich mitzuteilen und zuzuhören. Sich trotz Selbstvorwürfen und Streits nicht unterkriegen zu lassen. 

Leere herrscht auch in der Wohnung: Tochter Hanna im würfelförmigen braunen Holzkästchen ist neben der plastikverpackten Matratze das einzige Möbel. Eine fünfteilige Glasfassade trennt den Wohnraum von den Wolkenbrüchen, die im Monsun an der Tagesordnung und für das Stück Quintessenz sind: Aus den therapeutischen Monologen Adams werden zunehmend Dialoge, denn der Regen antwortet. Nicht nur mit  Hannas Stimme; der extra entwickelte „rain printer“ zeichnet Wörter in die Tropfenfront. So wie Adam mit weicher und doch hoffnungsstarker Stimme Bilder in die Köpfe des Publikums malt, Visionen von Superbäumen mit Solarblättern aufblühen lässt, während er auf den Spuren seiner physikbegeisterten Tochter wandelt und herausfindet, dass Sicherheiten in der Quantentheorie durch Wahrscheinlichkeiten ersetzt werden. Der gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren könnte nicht besser verkörpert werden als von Van Bauwel. Ebenso Vertongen: Sie braucht beim Applaus sichtlich Zeit, um sich wieder zu lösen von der sterilen, aber verletzlichen Businessfrau, die ihre Handcreme so akribisch aufträgt wie Desinfektionsmittel und nur mit kontrollierbaren Situationen umgehen kann. Die verdrängen will und doch jeden Tag die Nachrichten checkt, die immer noch regelmäßig an Hannas Facebook-Profil geschickt werden. Verstärkt wird die Intimität noch durch die zutiefst authentische Alltagssprache mit all ihrem Stocken und Fadenverlieren. Und die Livemusik: Gerrit Valckenaers und Geert Waegeman fassen die Stimmung u.a. mit Klangschalen, Geige, Bass-Sax und Synthesizer so treffend in Töne, dass nicht nur einmal Gänsehaut aufkommt. 

Das Stück ist keine leichte Kost. Es führt das Publikum durch Abgründe menschlicher Trauer,  schonungsloser,  selbstzerfleischender Offenheit sowie Höhenflüge der Erinnerung und gegenseitiger Stärkung. Trotz des schmerzvollen Themas schafft Devillé eine Atmosphäre von Zuversicht, einen Silberstreif, der auch ohne Katechismusfunktioniert. Dafür mit ein bisschen Glauben an das Unwahrscheinliche. Zum Beispiel Karlsson vom Dach. 

Lena Rucker

Danke, dass ihr alle da seid!

„Der Sprecher und die Souffleuse“ von Miroslava Svolikova, uraufgeführt im Theater am Lend, ist eines von vielen Stücken, welches gestern den Auftakt zum diesjährigen Dramatikerinnenfestival in Graz gab. Eine Komödie, die den Scheinwerfer des Theaters auf die unbekannten Figuren richtet.

Von Cornelia Scheucher

Die Vorstellung beginnt bald. Wir, also das Publikum, wären jetzt da. Doch was ist mit den Schauspielern los? Die sind nicht da. Stattdessen steht plötzlich die Souffleuse auf der Bühne, denn sie, sie ist immer da. Und sie erzählt von einem Leben im Glaskasten, von Notizen am Rande und von Kaugummi. Und sie redet, und redet, und redet.

Bühne frei für die Mitarbeiter – auf den Brettern, die die Welt bedeuten, die hier ein schwarzer Boden, umrahmt von Vorhängen ist. Es geben sich unter anderem noch der Sprecher, der Bote und ein verwirrter König Lear die Klinke in die Hand. Letzterer taucht alle paar Minuten auf und schreit oberkörperfrei mit Blumenkrone auf dem langen weißen Haar nach seinen Töchtern. Wer liebt König Lear am meisten? Der Sprecher versucht ständig das Publikum hinzuhalten, es möge doch bald losgehen, während der Bote immer wieder über die Bühne schleicht und mit dem Regisseur am Telefon abwechselnd streitet und Liebeszeilen austauscht. Als auch noch ständig das Licht ausfällt, werden wir mit einem weiteren Mitarbeiter des Theaters bekannt gemacht – dem Haustechniker.

„Der Sprecher und die Souffleuse“ der preisgekrönten Dramatikerin Miroslava Svolikova besticht bei seiner Uraufführung unter der Regie von Pedro Martins Beja durch ein unaufgeregtes Bühnenbild, welches jedoch durch Schattenspiele und Lautsprecherdurchsagen durchaus großartige Momente bekommt, und einer fabelhaften schauspielerischen Leistung. Die Personen hinter der Bühne bekommen erstmals ihren großen Auftritt und dürfen aus dem Schatten des Vorhangs treten. Sie sind jetzt an der Reihe und anscheinend haben einige von ihnen schon länger darauf gewartet – wie der Techniker, der sich in Reden über den Strom ergötzt.

Ein durch und durch lustiges Stück, wobei zwischendurch Komik und Verzweiflung Hand an Hand gehen, wie am Beispiel des alten Königs zu sehen ist, der seiner Rolle einfach nicht entfliehen kann. Am Ende überrascht das Stück mit einer Pointe, und der Applaus gilt plötzlich nicht mehr den Schauspielern- pardon Mitarbeitern- sondern auch dem Publikum.

Ein sehenswerter Abend voller ‚Aha- Momente‘ und Fragezeichen.