Black? White? HUMAN!

Mit ihrem Programm Black Off nützen Ntando Cele und ihre schweizer Band den Grazer Dom im Berg als Bühne zum Kampf gegen Rassismus und Vorurteile.

Ein – mit weißem Licht hell beleuchteter – Schminkspiegel, der an vergangene Hollywood-Zeiten à la Marilyn Monroe erinnert, strahlt von der Bühne herab. Was danach kommt, kann durchaus als Hollywood-reife Leistung bezeichnet werden: Ntando Cele – alias Bianca White – betritt die Bühne und der Name ist hier Programm: Weiß, wohin das Auge reicht – vom asiatischen Kimono über die blonden Haare bis zur mit weißer Schminke bemalten Haut, die die afrikanischen Wurzeln bestmöglich verdecken soll. Sich selbst als Afropolitan – also ein Mensch aus Afrika, der die Welt ohne schäbiges Boot bereist – bezeichnend, ist sie stolz darauf, ihre inner whiteness gefunden zu haben. Doch, wie im richtigen Leben, kann auch Bianca White ihre wahre Identität nicht auf Dauer leugnen und so verwandelt sie sich im zweiten Teil in ihr Alter Ego, Vera Black, die als Punk-Rockmusikerin im Leder-Nieten-Body das genaue Gegenteil vom meditierenden, Prosecco trinkenden Gutmenschen Bianca ist und ihren weißen Mitmenschen unverschont ehrlich sagt, was sie von ihnen hält – nämlich nichts.

Die gebürtige Südafrikanerin Ntando Cele spielt in ihrem Bühnenprogramm Black Off mit allgegenwärtigen Stereotypen und alltäglichen, rassistischen Spitzfindigkeiten. Die Verschiedenheit der zwei Identitäten, die in ihr wohnen, zieht sich durch sämtliche Ebenen hindurch. Während der erste Teil durch überladene Kostüme und Maske gekennzeichnet ist, prägt nach der Pause Schwarz das Bild. Unterstützt wird dieses Konstrukt der Antithese von einer grandiosen Band: Patrick Abt (Gitarre und Sidekick), Pit Hertig (Schlagzeug) und Simon Ho (Piano) entführen das Publikum mit ihren Klängen anfangs in einen Jazz-Club, um am Ende bei einem Rock-Konzert mit kritischen Tönen zu landen. Der zentrale Bruch beginnt kurz vor der Pause, als die Metamorphose einsetzt: Die überladene Schminke wird auf der Bühne abgewischt und das gesamte, maskenlose Gesicht der Darstellerin in seinen Einzelheiten via Kamera dargestellt.

Im Verlauf des Abends wird das Repertoire an Klischees und Vorurteilen gegenüber den angeblich weißen, intelligenten und kultivierten Europäern sowie den als dumm, ungebildet und versklavt dargestellten Afrikanern bis aufs Letzte ausgeschöpft. Da kann es nur als logische Schlussfolgerung angesehen werden, dass ein dunkelhäutiger Mann aus dem Publikum auf die Bühne geholt wird, um der weißen Bianca White dienerartig das Mikrofonkabel zu tragen. Auch die anschließende Aufforderung Imagine, there are just white people around us! dürfte ihn vor keine große Herausforderung gestellt haben und sorgt für Lacher im Publikum, die einem bei genauerem Nachdenken jedoch im Halse stecken bleiben.

Wie heikel das Thema in Wahrheit nämlich ist, zeigt sich, als sich Bianca White direkt an die ZuschauerInnen wendet und die Frage stellt: How do you call black people in Austria? – Die Antwort: Stille. Auch die Videosequenzen und Fotos, die über eine Leinwand eingespielt werden, regen zum Nachdenken an: Warum nicht von einer Welt träumen, in der es keine Hautfarben gibt, in der alle einfach das sind, was sie sind – nämlich Menschen?  Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass im Grunde alles doch sehr einfach wäre, wenn man sich endlich von alteingesessenen Mustern und Konventionen lösen würde – die Tatsache, dass für diesen Satz auch im Jahr 2019 noch der Konjunktiv verwendet werden muss, ist jedoch bezeichnend.

Ines Hölzl, Iris Liebminger

Keine Ahnung, wie der Titel lauten soll

Sandra und Kassandra spielen zu zweit auf einem Akkordeon. Eine trägt einen Hut, der aussieht wie eine goldene Walnuss, die andere brüllt entsetzt „Du hast ‚Darm mit Charme‘ nicht gelesen!?“

Manchmal benutzen wir Wörter, deren Bedeutung wir nicht genau kennen, um fotosynthetischer zu wirken. Das macht keinen Sinn? In solchen Gesprächen haben sich viele wohl bereits selbst erwischt: wir wollen besonders wortgewandt und intelligent wirken, um den Eindruck zu erwecken, wir hätten einen Plan. Doch wir haben alle manchmal einfach keine Ahnung, wovon wir gerade reden. Also: „Hören Sie auf zu tun als würden Sie irgendetwas wissen!“

In „Keine Ahnung“, einer Produktion von uniT Graz und Sophiensäle Berlin, bringt Regisseurin Nele Stuhler eine meta-philosophische Zeitreise auf die Bühne des Theater am Lend. Von der Entstehung des Universums über die Steinzeit und rund um kluge Köpfe der Antike – Sandra (Paula Thielecke) und Kassandra (Sarah Gailer), führen in drei „Vorlesungen“ durch den Abend:
1. „Was man weiß“ – nichts weiß man sicher
„2. Was man nicht weiß“ – alles andere eben
und „3. Was jetzt noch kommen soll“ – Keine Ahnung.

Sandra, die für das „Nicht-Verstehen“ steht, muss irritierende Befehle ihres Gegenpols Kassandra ausführen: „Finden Sie Anschluss zu einer Urhorde!“ Sandra, im Moment in der Steinzeit befindlich, muss mit den Einrichtungsgegenständen eine Familienstruktur bilden. Wenn sie sich weigert, sich mit den Einzelteilen der rot-orangen „100% Antike Säule made in Troja“ zu unterhalten, wird die Aufforderung so oft wiederholt, bis Sandra sie ausführt. Dabei wird das Geschehen zusätzlich von fun-facts über die Produktion des Stücks begleitet, die über den Köpfen eingeblendet sind und regelmäßig für Gelächter im Publikum sorgen.

Die beiden Schauspielerinnen trotzen der Hitze im Saal und erfrischen das Publikum mit Power und Witz. Wenn plötzlich „freihändig“ Akkordeon gespielt wird, eine goldene Riesenwalnuss als Gehirn-Hut getragen, oder über Polly-Pocket und die Sitzposition beim Stuhlgang (lesen Sie unbedingt „Darm mit Charme“!) philosophiert wird, verschwimmen die Grenzen von Ahnung und Wissen – keine Ahnung und Unwissen. Und im Laufe des Abends wird klar, die zu Beginn überlegene Kassandra, ist in Wahrheit Sandra gleichgestellt. 
Wenn man angestrengt versucht, die vielen Meta-Ebenen des Stücks zu verstehen, scheint es, dass es im Sinne des Konzepts liegt, den Zuschauer verwirrt zurückzulassen – man hat eben keine Ahnung.

Chiara Šarko

Niemand hat uns jemals gefragt

Sieben Mädchen, eine Klassenfahrt – und ein großer Skandal. Tanja Šljivar rollt in „Die Draufgängerinnen (All Adventurous Women Do)“ ein Medienereignis aus 2014 neu auf: In der Regie von Salome Dastmalchi entwickelt sich das Gastspiel des Jungen Deutschen Theaters Berlin zu einem Abend, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und dennoch lieber schweigt.

Sieben in orange Overalls gehüllte Teenager bewegen sich auf einer kleinen, steril weißen Bühne. Der Kontrast? Der könnte krasser nicht sein. So wie auch der in ihren Leben, die damals noch anders waren. Damals, vor der Klassenfahrt. Damals wurden heimlich Zigaretten geraucht, heimlich über die erste Liebe geredet, heimlich über das erste Mal fantasiert.

Heute sind sie zurück. Heute halten sie „in der rechten Hand die Zigarette, in der linken den Schwangerschaftstest“. Ana (Peter Steden), Ena (Eren Gündar), Ina (Livia Marlene Wolf), Ona (Marthe Müller Lütken), Una (Chenoa North-Harder), Lea (Emmi Büter), Mia (Bruno Liebler) sind schwanger, positiv. Zwischen damals und heute: fünf Tage. Fünf Tage, und „keine kann sich genau erinnern, wie DAS war, mit wem DAS war, warum DAS war“.

„Papa où t’es?“

Das Stück bringt 90 Minuten Ungewissheit und die stete Frage nach dem WARUM, die bis zum Schluss nie beantwortet wird. Basierend auf einem medialen Skandal aus dem Jahr 2014, bei dem sieben bosnische Teenager schwanger von einer Klassenfahrt zurückkehrten, lässt die Regisseurin das Grundgerüst der Handlung angelehnt an das Original und stellt sieben junge Personen auf die Bühne, die selbst noch nicht viel vom Leben wissen, jedoch bereits ein neues in sich tragen. Die weiße Bühnenverkleidung (Ausstattung: Paula Wellmann) ist mit Hashtags bedruckt und wird im Laufe des Abends mit Penissen und obszönen Wörtern bemalt – wie man das eben so macht auf Klassenfahrt. Bei der anfänglichen Stricherlliste, wer denn der Vater sein könnte, wird noch viel gekichert. Passend dazu schallt Stromaes „Papaoutai“ aus den Lautsprechern, so wie Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“.

Das Publikum sieht die sieben Teenager bei der Schwangerschaftsgymnastik und beim Vorbereitungskurs, bei dem sie an ihren Alter Egos in Barbiepuppen-Form den richtigen Umgang mit Kindern üben. Teenager und Barbies, Teenager und Sex. Welch Ironie. Gefragt werden sie niemals, nicht auf der Straße, nicht vom Arzt, nicht von den Eltern, nicht in der Schule, nicht vom Publikum. Das Thema – ein Tabu. Wie soll denn das gehen, es sind ja schließlich noch Kinder, werden die langsam rund werdenden Bäuche leichtfertig aus der Welt gelacht. Am Ende ist dann jedoch keinem mehr nach Lachen zumute.

Dastmalchis Inszenierung wird durch das großartige schauspielerische Talent des jungen Ensembles zu einem kurzweiligen Abend mit hintergründiger Tiefe. Die AkteurInnen beeindrucken mit starkem, authentischem Spiel und vermögen es, die heikle Thematik in jenem Schweigemantel zu servieren, der seitens der Gesellschaft nur mit Samthandschuhen angefasst wird. Denn am Ende „hat noch niemand jemals gefragt“.

Katharina Hoi

Freundliche Todesbefehle

Gibt es noch eine Hemmschwelle, wenn Brutalität virtuell stattfindet? Wenn Gewalt ohne gegenseitige Blicke in verletzliche Augen ausgeübt wird? Diese Fragen stellt Regisseur Julian Hetzel mit seinem eindringlichen Schauspiel „The Automated Sniper“ dem Publikum des Dramatikerinnen-Festivals. Eine Antwort liefert die Aufführung in Form eines eindrucksvollen Kriegsspiels.

Florian Karelly

Eine heiter klingende Frauenstimme aus dem Off (Ana Wild) heißt das Publikum herzlich willkommen und erklärt die Hard Facts zum weiteren Verlauf. Eine ferngesteuerte, vollautomatische Waffe (Design Hannes Waldschütz) schießt von der Decke herabhängend Farbkugeln auf die vollkommen weiße Bühne – und auf die die beiden Schauspieler. Das Publikum wird dazu eingeladen, am Spiel teilzunehmen, indem es die Waffe steuert. Noch wirkt alles humorvoll und nonchalant. Also lasst uns spielen – Freiwillige vor!

Level 1

Die freundliche Stimme aus dem Off bringt dem ersten Mitspieler die Bedienung der automatisierten Waffe nahe. Mittels Joysticks und Knöpfen wird die Maschine aus einem für Publikum und Schauspieler nicht ersichtlichen Raum gesteuert und abgefeuert. Im Sinne eines Tutorials lernt der Freiwillige das Zielen, das präzise Schießen und wie viel Spaß es machen kann, Krieg zu spielen. Die weißen Wände des sterilen Bühnenbilds bekommen dadurch Farbe verliehen, auch die Requisiten, wie Stühle, Satellitenschüsseln und Plexiglasscheiben werden beschossen. Nach dem Tutorial tritt der Spieler aus dem abgetrennten Raum wieder hervor. Es gibt Applaus!

Level 2

Die freundliche Stimme aus dem Off wählt erneut einen Freiwilligen aus. Die nächste Aufgabe besteht darin, sämtliche Objekte auf der Bühne zu zerschießen. Die großartigen Performer – Bas van Rijnsoever und Claudio Ritfeld – setzen bereits Schutzmasken auf, doch diese werden noch nicht benötigt. Die Lage wird angespannter, erzeugt durch eine bedrohlich klingende Soundkulisse und die allmählich beunruhigende Stimme. Die Mission glückt. Applaus!

Level 3

Nächstes Ziel der ferngesteuerten Waffe sind nun die beiden Schauspieler. Der Schütze aus dem Publikum zögert ein wenig, aber die Stimme aus dem Off klingt doch so bestimmt und vertraulich. Warum also nicht schießen? Zwei Schüsse ins Gesicht, danach unzählige Schüsse auf die fliehenden, sich Deckung suchenden Opfer. Als Teil des Publikums ist man sich nicht sicher, ob es sich noch geziemt, an diesem Spiel gefallen zu finden. Doch die Mission glückt, also Applaus!

Next Level Shit

Die mittlerweile aufgrund ihrer Freundlichkeit pervers anmutende Stimme stellt den nächsten Spieler vor: einen Profi-Gamer in und aus Bagdad. Aus einem Zimmer im Nahen Osten steuert er die Waffe und feuert hunderte Kugeln auf die hilflosen Schauspieler ab. Beinahe jeder Schuss trifft, obwohl er sich tausende Kilometer entfernt aufhält. Sein Gesicht wird auf die Wände projiziert, das Publikum kann ihn hören und sehen. Nach einem regelrechten Farbkugelmassaker bricht die Verbindung in den Irak ab, doch das Spiel ist noch nicht zu Ende: Die Projektionen des Profispielers laufen fließend in reale Drohnenaufnahmen über. Nun sterben echte Menschen, geschossen wird nicht mit Farbkugeln, sondern mit scharfer Munition. Aus Spaß wird Ernst, aus Spiel wird Krieg. Und das Publikum sieht weiterhin zu.

Make Art Great Again

Was am Ende von der Bühne übrig bleibt, ist ein buntes Schlachtfeld, ein farbiges Denkmal an moderner Kriegsführung. Die Performer schreiben mit schwarzer Sprühfarbe „Make Art Great Again“ an die Wand – eine Kriegserklärung an den Krieg. Dem international gefeierten Künstler Julian Hetzel und seinem Team gelingt mit „The Automated Sniper“ ein gelenkiger Spagat zwischen kritischem Pamphlet und spannendem Spiel. Das Gastspiel des Frascati Theater Amsterdam beschwört mit dem Theaterspiel Kunst zu einer moralischen Norm und verblüfft damit das Grazer Publikum.

Glauben an Karlsson

Es wird nass auf der Bühne von Haus Eins: Gespräch mit dem Regen von Stijn Devillé zeigt, wie Trauer und Verlust in Zeiten von Web 2.0 gehen kann. Wieso man ruhig mal an Karlsson vom Dach glauben darf. Und wieso Sterben nicht gleich der Tod der Hoffnung sein musss.

Null. Eine Zahl, eine Linie rund um Leere. Eine Leere wie jene, die der Unfalltod ihrer 14-jährigen Tochter Hanna in Adam (Tom Van Bauwel) und Nikki (Sara Vertongen) zurücklässt. Das Ehepaar versucht einen Neustart in Singapur,wo sie als CEO einer Nanotechnologie-Firma arbeitet und er als schreibblockierter Autor durch den Monsun streift – und sich beinahe selbst verlieren, denn für Eltern, deren Kind gestorben ist, gibt es kein Wort. Schweigen ist aber auch nicht die richtige Medizin, wie das Ehepaar langsam erkennt. Türmt es sich anfangs bei den morgendlichen Abschieden, wenn Nikki zur Arbeit geht, zwischen ihnen wie eine Mauer, arbeiten sie Schritt für Schritt daran, sie einzureißen, sich mitzuteilen und zuzuhören. Sich trotz Selbstvorwürfen und Streits nicht unterkriegen zu lassen. 

Leere herrscht auch in der Wohnung: Tochter Hanna im würfelförmigen braunen Holzkästchen ist neben der plastikverpackten Matratze das einzige Möbel. Eine fünfteilige Glasfassade trennt den Wohnraum von den Wolkenbrüchen, die im Monsun an der Tagesordnung und für das Stück Quintessenz sind: Aus den therapeutischen Monologen Adams werden zunehmend Dialoge, denn der Regen antwortet. Nicht nur mit  Hannas Stimme; der extra entwickelte „rain printer“ zeichnet Wörter in die Tropfenfront. So wie Adam mit weicher und doch hoffnungsstarker Stimme Bilder in die Köpfe des Publikums malt, Visionen von Superbäumen mit Solarblättern aufblühen lässt, während er auf den Spuren seiner physikbegeisterten Tochter wandelt und herausfindet, dass Sicherheiten in der Quantentheorie durch Wahrscheinlichkeiten ersetzt werden. Der gerade richtig dicke Mann in seinen besten Jahren könnte nicht besser verkörpert werden als von Van Bauwel. Ebenso Vertongen: Sie braucht beim Applaus sichtlich Zeit, um sich wieder zu lösen von der sterilen, aber verletzlichen Businessfrau, die ihre Handcreme so akribisch aufträgt wie Desinfektionsmittel und nur mit kontrollierbaren Situationen umgehen kann. Die verdrängen will und doch jeden Tag die Nachrichten checkt, die immer noch regelmäßig an Hannas Facebook-Profil geschickt werden. Verstärkt wird die Intimität noch durch die zutiefst authentische Alltagssprache mit all ihrem Stocken und Fadenverlieren. Und die Livemusik: Gerrit Valckenaers und Geert Waegeman fassen die Stimmung u.a. mit Klangschalen, Geige, Bass-Sax und Synthesizer so treffend in Töne, dass nicht nur einmal Gänsehaut aufkommt. 

Das Stück ist keine leichte Kost. Es führt das Publikum durch Abgründe menschlicher Trauer,  schonungsloser,  selbstzerfleischender Offenheit sowie Höhenflüge der Erinnerung und gegenseitiger Stärkung. Trotz des schmerzvollen Themas schafft Devillé eine Atmosphäre von Zuversicht, einen Silberstreif, der auch ohne Katechismusfunktioniert. Dafür mit ein bisschen Glauben an das Unwahrscheinliche. Zum Beispiel Karlsson vom Dach. 

Lena Rucker

Danke, dass ihr alle da seid!

„Der Sprecher und die Souffleuse“ von Miroslava Svolikova, uraufgeführt im Theater am Lend, ist eines von vielen Stücken, welches gestern den Auftakt zum diesjährigen Dramatikerinnenfestival in Graz gab. Eine Komödie, die den Scheinwerfer des Theaters auf die unbekannten Figuren richtet.

Von Cornelia Scheucher

Die Vorstellung beginnt bald. Wir, also das Publikum, wären jetzt da. Doch was ist mit den Schauspielern los? Die sind nicht da. Stattdessen steht plötzlich die Souffleuse auf der Bühne, denn sie, sie ist immer da. Und sie erzählt von einem Leben im Glaskasten, von Notizen am Rande und von Kaugummi. Und sie redet, und redet, und redet.

Bühne frei für die Mitarbeiter – auf den Brettern, die die Welt bedeuten, die hier ein schwarzer Boden, umrahmt von Vorhängen ist. Es geben sich unter anderem noch der Sprecher, der Bote und ein verwirrter König Lear die Klinke in die Hand. Letzterer taucht alle paar Minuten auf und schreit oberkörperfrei mit Blumenkrone auf dem langen weißen Haar nach seinen Töchtern. Wer liebt König Lear am meisten? Der Sprecher versucht ständig das Publikum hinzuhalten, es möge doch bald losgehen, während der Bote immer wieder über die Bühne schleicht und mit dem Regisseur am Telefon abwechselnd streitet und Liebeszeilen austauscht. Als auch noch ständig das Licht ausfällt, werden wir mit einem weiteren Mitarbeiter des Theaters bekannt gemacht – dem Haustechniker.

„Der Sprecher und die Souffleuse“ der preisgekrönten Dramatikerin Miroslava Svolikova besticht bei seiner Uraufführung unter der Regie von Pedro Martins Beja durch ein unaufgeregtes Bühnenbild, welches jedoch durch Schattenspiele und Lautsprecherdurchsagen durchaus großartige Momente bekommt, und einer fabelhaften schauspielerischen Leistung. Die Personen hinter der Bühne bekommen erstmals ihren großen Auftritt und dürfen aus dem Schatten des Vorhangs treten. Sie sind jetzt an der Reihe und anscheinend haben einige von ihnen schon länger darauf gewartet – wie der Techniker, der sich in Reden über den Strom ergötzt.

Ein durch und durch lustiges Stück, wobei zwischendurch Komik und Verzweiflung Hand an Hand gehen, wie am Beispiel des alten Königs zu sehen ist, der seiner Rolle einfach nicht entfliehen kann. Am Ende überrascht das Stück mit einer Pointe, und der Applaus gilt plötzlich nicht mehr den Schauspielern- pardon Mitarbeitern- sondern auch dem Publikum.

Ein sehenswerter Abend voller ‚Aha- Momente‘ und Fragezeichen.

Im Parlament ist alles Käse

„Du wirst ein Star werden“, verspricht die egozentrische Journalistin dem interviewten Flüchtling während sie sich selbst immer wieder in Szene setzt. Angelangt im Jahrhundert, in dem BloggerInnen als Sprachrohr der Gesellschaft funktionieren, regiert die Mediengeilheit über die Menschenwürde. Die Art und Weise wie im Social Media-Zeitalter Geld verdient wird, ist klar: Überhäufe die Masse mit Skandalen, Hashtags und Unnötigem. #BrandLondon #Europa #Käse

Schon bevor das Haus Zwei im Grazer Schauspielhaus betreten wird, sind in „Rest of Europe“ Lüftungs- und Herzklopfgeräusche zu hören. Am Boden liegen blaue Industrieschläuche, unter welchen die drei SchauspielerInnen (Matthias Lodd, Mercy Dorcas Otieno, Tamara Semzov) versteckt sind. Das von Prisca Baumann erschaffene industrielle Umfeld, weist auf den unendlichen Prozess der Europäischen Union sowie auf deren maschinelle Art hin. Durch spielerische Verwendung werden die Schläuche einmal zu Handschellen, einmal zum Schleier einer Wahrsagerin und schlussendlich zum Hintergrund der europäischen Flagge.

Zu Beginn steht das Europa-Parlament mit Mehrsprachigkeit und Meinungsverschiedenheit im Fokus. Verdeutlicht wird der Gedanke der Zusammengehörigkeit der EU mittels drei, am Rücken zusammengenähter Sakkos, in denen die Darstellenden stecken und wie die Medien um die alleinige Aufmerksamkeit kämpfen. Zwischendurch erzählt und rappt Traian seine Erfahrungen als Kellner im Parlament. Es graust ihm nicht nur vor der standardisierten Dienstkleidung, welche ihn entmenschlicht, sondern auch vor dem verschwenderischen Lebensmittelverbrauch. Egal ob im Restaurant oder in den Besprechungsräumen – im Parlament ist alles Käse.

In „Rest of Europe“ richtet die Autorin Nicoleta Esinencu den Scheinwerfer auf verschiedene Problemsituationen in unterschiedlichen Ländern, welche eine Vielfalt an möglicher Besprechungsthemen aufzeigt. Diese Reflexionen der europäischen Situation werden von den SchauspielerInnen mit vollem Körpereinsatz erzählt und unter der Regie von Nina Gühlstorff spannend inszeniert, obwohl dramaturgische Kürzungen möglich wären. Wie glanzvoll zeigt sich zB. die britische Regierung, als sie den überlebenden Opfern vom Brand im Grenfell Tower vor einem Jahr, Luxuswohnungen zur Verfügung stellt. Allerdings mit der Bitte die Hintertür zu verwenden, da sie nicht dieselben Rechte wie die zahlenden Mieter haben. Kein Wunder, dass die Sterne der Europaflagge am Schluss wackeln.

Von Felicitas Pilz

Die Sterne der Europaflagge wackeln

Die „Europäische Familie“ plädiert gerne für die Wichtigkeit des menschlichen Lebens und rühmt sich mit einem ausgeglichenen Zusammenhalt innerhalb des Staatenbündnisses. In „Requiem für Europa“ versucht die moldawische Autorin Nicoleta Esinencu durch nahegehende Erzählungen diesen Selbstruhm zu widerlegen. Das Schauspielhaus öffnet seine Türen für eine Kooperation zwischen Chişinău und Graz, die unter die Haut geht.

„Idiotule“, „You fucking idiot“. Zweisprachig wird das impulsive Stück mittels Beschimpfungen eröffnet. Um die Authentizität zu wahren, schildern die drei Schauspieler (Doriana Talmazan, Kira Semionov, Artiom Zavadovsky) ihre heimischen Arbeitserfahrungen in ihrer Muttersprache, Rumänisch. Englische Untertitel begleiten das Gesagte.

Es wird von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und rücksichtslosem Betrug durch die Arbeitgeber in Moldawien erzählt. Sprachliche Bilder veranschaulichen die Umstände und lassen den Zuschauer im Schock zurück. Und mit schlechtem Gewissen, denn die tagebuchartigen Erzählungen strapazieren das eigene Empathie-Zentrum. Immerhin trägt die Mehrheit zu einer derartigen Ausbeutung ärmerer Länder bei. Mächtige Großkonzerne dominieren den billigen Arbeitsmarkt, der Profit-Rausch lässt keinen Platz für Menschlichkeit. Und dennoch will die Europäische Union ihr Bild von gegenseitiger Unterstützung und Gerechtigkeit wahren. Auf die Forderung nach angemessenen Arbeitszeiten und verlässlicher Bezahlung reagiert man seitens des Parlaments lediglich mit dem Hashtag #strongertogether.

Die Licht – und Tonstimmung wechselt mit dem Emotionen der Schauspieler und betont somit noch intensiver die Dringlichkeit der Situation. Schrill, blinkend, hell – um das Unangenehme zu betonen. Schleppend, blau, schwach – wie die ausgelaugten Protagonisten. Doch die Opferrolle einzunehmen ist nicht ihr Ziel. Sie wirken energisch, entschlossen, erregt. Deutlich wird diese erschöpfte Erregtheit, wenn sie beginnen im Gleichtakt auf ihren Nähmaschinen zu rattern. Drei Nähmaschinen und Lichtinstallationen bilden die karg-wirkende Kulisse, die trotz weniger Elemente ihren Zweck erfüllt.

Der unangenehme Druck, der von den Worten der Protagonisten begründet wird, lässt keinen Zuschauer in seiner Komfortzone verweilen. Die Mahnungen appellieren an unser Bewusstsein und sollen zu einer Sensibilisierung unserer Wahrnehmung führen. Ein bislang verborgener Europa-Komplex, der durch eine knapp zweistündige Schimpftirade durchaus begründet wird, rückt mit „Requiem für Europa“ ins Rampenlicht. Mit „Mulțumesc șefule“/“Thank you, boss“, verabschiedet sich die moldawische Gruppe „teatru-spălătorie“ von der Bühne und hinterlässt ein schuldbewusstes, betroffenes Publikum.

Von Johanna Höfferer

„Hinterfotzig und doch charmant“

Das DramatikerInnen Festival 2018 gipfelt in Stefanie Sargnagels Gastspiel: „JA, EH! BEISL, BIER und BACHMANNPREIS“. Zwischen Persiflage und erschreckend wahrheitsgetreuer, leider nicht allzu realitätsferner Inszenierung.

Drei Schauspielerinnen zaubern sich und Stefanie Sargnagels Gedankenwelt aus einem hölzernen und rustikalen Baukastensystem heraus auf die Bühne. Erschöpft und Müde wird zum grandiosen Gemurmel Voodoo Jürgens über die Planung des Tages debattiert: Spaziergang durch die Stadt oder Gammeln vor dem Fernseher, einen neuen Pullover kaufen oder sich doch lieber gleich ins Beisl schleppen? Auf der „Jagd nach dem ultimativen Kick“ entscheidet man sich fürs Eisschuhlaufen und schiebt sich, in vorübergehender Selbstzufriedenheit schwelgend, in die nächste U-Bahn.

Es folgen misanthropische Gedanken, ein kurzer Wonnemoment auf dem Eis, ein Treffen mit der an Liebeskummer erkrankten Freundin im Beisl und die Erkenntnis, dass die „romantische Liebe“ nichts für einen selbst wäre. Die Bar wird gewechselt und neue Gedanken kommen auf: „Wieso kann ich mich nicht einfach hervorragend fühlen?“ Mit dem „Beislhöhepunkt“ gibt auch der Körper k.o. und der zu erwartende Kater folgt am Morgen… Alles halb so wild, wären da nicht noch diese unsäglichen Auftragstexte!

Die Dreiteilung der Gedanken jener Kunstfigur, die von Sargnagel im Nachgespräch als „karikierte Koboldfrau“ beschrieben wird, in die die drei jungen Schauspielerinnen Miriam Fussenegger, Lena Kalisch und Saskia Klar schlüpfen, ist ein gelungener Kunstgriff der Regisseurin (Christina Tscharyiski ). Einwandfrei funktioniert auch die Interaktion der Schauspielerinnen mit dem Sänger und Hallodri Voodoo Jürgens und dessen Band. Sargnagel gelingt es Subkultur, Jargon und Ästhetik unter einen Hut zu bekommen – der „Poesievogel“ landet zwar schon zu Beginn des Stückes auf dem Boden der Realität, Sargnagels Dichtkunst trägt aber keinen Schaden davon!

Das Stück mag gefallen oder irritieren – Gewiss kann aber Gefallen an jenen „liebevollen Bosheiten“ und dem Beislflair gewonnen werden.

Von Loredana Wohlfahrt

Vorhang auf

Im Rahmen einer Rauminstallation wird die Rolle der Frau im Theater in den Fokus gerückt. Sexuelle Anspielungen, Machtmissbrauch und psychischer Druck- Betroffene und Insider berichten.

„Sau.Rau.“- der orange gesprayte Schriftzug am Asphalt bedeutet all jenen, die den Ort nicht ohnehin schon von uniT kennen, am Ziel angelangt zu sein. In den Fensterbänken stehen Boxen. Aus ihnen ertönen Interviews von Menschen aus dem Theaterbusiness. Ein pinker Pfeil weist auf den Eingang zu „Forced Theatre. Step too“ hin, einer Installation, die im selben Gebäude gezeigt wird wie Sau.Rau, jedoch von uniT-externen Künstlern (Ute Rauwald: Konzept und Interviews, Harald Günter Krain: Sound, Andrea Fischer: Rauminstallation und Dagmar Rauwald: Video). Neben der Türe hängen Kopfhörer an der Wand, durch die die Besuchenden weitere Interview-Ausschnitte hören können. Pinke Klebestreifen, Plastikplanen, ein kaputter Drucker- die Besuchenden bekommen das Gefühl, eine Baustelle zu betreten. Ein Sinnbild für den hohen Renovierungsbedarf im Theaterbusiness?

Die Installation, eine Weiterentwicklung der in Hamburg entstandenen Rauminstallation, dreht sich nicht nur um das Thema der MeToo-Debatte. Auf einen Drucker ist mit pinkem Leuchtstift ein Auszug eines Interviews verschriftlicht worden. Es geht um eine erkrankte Schauspielerin, die trotz Medikamenten nicht auftrittsfähig war und sich krank meldete. Dafür wurde ihr von den Kollegen viel Unverständnis und Verachtung entgegengebracht. Neben dem Drucker klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Arbeitssoldatin“. Auf dem Drucker wird der enorme Druck thematisiert, der auf die Darstellenden ausgeübt wird. Ein Druck, der nicht nur sexueller, sondern insgesamt körperlicher und psychischer Natur ist.

Auf einem Bildschirm im Raum wird eine Szene gezeigt, in der eine Vergewaltigung abstrahiert nachgespielt wird. Währenddessen erzählt eine Frauenstimme über die Kopfhörer von einer Schauspiel-Kollegin, die im Stück, wegen der inhaltlichen Vorgabe, geschlagen wurde. Davon trug sie aber tatsächlich blaue Flecken. Eine andere Frau erzählt davon, wie eine junge Schauspielerin bei einer finalen Probe vor allen Beteiligten zusammengeschrien wurde. Sie selbst schalte bei solchen Cholerikern einfach auf Durchzug.

Eine rosé-farbene Chiffonbluse hängt an einem Haken. Daneben ein Zettel mit den Worten „das ist eine Welt“. Der Raum wirkt. Splitter von Geschichten verletzter Menschen. Viele Fragmente fügen sich zu einem Bild zusammen. Ein Bild, das sichtbar wird, wenn sich der Vorhang durch die vielen Stimmen schon vor einer Vorstellung öffnet.

Von Katja Heine