Ich bau dir einen Berg

Wer denkt, dass Gesellschaftskritik nur von selbstverherrlichenden Idealisten im Elfenbeinturm geübt wird, sollte sich dieses Stück ansehen: Das Künstlerkollektiv (bestehend aus „Freundliche Mitte“: Gerhild Steinbruch, Philine Rinnert, Sebastian Straub und zusätzlich: Pia Derler, Mechthild Weber, Bernhard Fleischmann u.a.) übt in der performativen Inszenierung „Bergeins“ Kritik an der gegenwärtigen Regierung, warnt vor Rechtsextremismus und vergisst dabei nicht, die eigene Rolle zu hinterfragen. Der passende Aufführungsort dazu: Dom im Berg.

„Wir werden uns nicht mehr müde fühlen, wenn wir den Berg gebaut haben, als Monument einer Geschichte, die gewesen ist. Der Berg ist unser Monument, er ist unser Spektakel.“ Eine männliche Stimme ertönt aus den Lautsprechern. Ihre Worte erinnern an Big Brother. Es gibt kein Gesicht dazu. Eingestimmt auf die anstehende Gesellschaftskritik wurde das Publikum schon im Tunnel durch den Schlossberg. Aus den Seitengängen schallten „Reden die Österreich bewegten“, von Karl Renner bis Schuschnigg. Nun steht das Publikum an einem Geländer und blickt auf den Spielplatz hinunter: Eine große Skulptur eines Berges mit Gipfelkreuz steht hellbeleuchtet im Raum. Zwei große Plakate, eines mit dem Cover einer Schallplatte „Österreich mein Heimatland“, das andere mit dem leicht veränderten Titel „Österreich kein Heimatland“. Aufgestapelte Sandsäcke formen ein U, dagegen ist ein Gewehr gelehnt. Zielscheiben sind zwei Kästen mit darüber gebauter Bergidylle. Vor dieser Idylle sind zum einen abstrakte Bilder von verschleierten Mädchen und einem herausstechenden Clown zu sehen. Zum anderen stehen Kaiserfiguren mit den Gesichtern bekannter Politiker hinter Kornblumen. Eine starke Kritik am Vermummungsverbot.

Ein Knall. Die Zuseher gehen weg vom Geländer, die Treppe hinunter und hinein ins Geschehen. Die ganze Szenerie wirkt sehr futuristisch: Grell-flackerndes Licht, laute Musik, vier Künstler mit schwarzem Gewand und silbernen Schuhen verteilen Sekt. Dies ist, mit Ausnahme von einem kurzen Auftritt von Gerhild Steinbruch, der einzige schauspielerische Part. Ansonsten ist das Publikum selbst Teil des Stücks und kann sich frei auf der Bühne bewegen. Mit den einzelnen Stationen wirkt es fast wie eine Ausstellung. Die Sinne der Zuseher werden auditiv- mit viel Sprachgewandtheit und provokanten Statements- und auch visuell- mit den Stationen und vielen zusätzlichen Bildern- überflutet. In diesem Stück stecken so viele Anregungen, dass man es am liebsten ein zweites Mal gehen möchte, um mehr mitnehmen zu können. Die gesprochenen Texte regen mit viel Wortwitz und guten Gedanken zum Nachdenken an. Auch Interviews mit jungen Menschen, die im Rahmen eines Workshops beim Bühnenaufbau gemacht wurden, flossen in die Produktion ein. Gegen Schluss trägt Gerhild Steinbruch ein Plädoyer vor: gegen einlullende, politische PR-Rhetorik und rechtsextremes Gedankengut, aber auch gegen den eigenen, lähmenden Hass.

Teilweise werden die Künstler gefährlich überkritisch und plakativ: Wenn Vergleiche gezogen werden zwischen der Wahl 2017 und 1938. Oder wenn die Selbstkritik bezüglich einer destruktiven Wut so überzeichnet wird, dass sie bis zu Suizidszenarien führt, um Platz zu machen für Menschen mit konstruktivem Hass. Aber natürlich ist es Aufgabe der Kunst, zu übertreiben und wachzurütteln. Und dies ist inspirierende Kunst und ein Beispiel dafür, wie konstruktiver Hass aussehen könnte. „Bergeins“ ist nichts für sensible Ohren (es wird allerdings Oropax verteilt) oder Menschen mit Aversion gegen Stroboskop Licht. Dennoch kann empfohlen werden, eine eventuelle Abneigung zu überwinden und sich dem Wortwitz und der Kunst der selbstreflektierten Kritik hinzugeben- um, wie die männliche Stimme am Ende sagt, einen Berg zu bauen, einen „Berg, als Mahnmal einer Welt, die nie gewesen ist, damit sie nie gewesen sein wird.“

Von Katja Heine

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