{"id":220,"date":"2022-06-09T06:28:59","date_gmt":"2022-06-09T06:28:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.dramatikerinnenfestival.at\/2018\/?p=220"},"modified":"2022-06-09T06:32:30","modified_gmt":"2022-06-09T06:32:30","slug":"eine-frau-in-deinem-alter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.dramatikerinnenfestival.at\/2018\/blog\/2022\/06\/09\/eine-frau-in-deinem-alter\/","title":{"rendered":"Eine Frau in deinem Alter&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Sichtbarkeit und die alternde Frau: Penelope Skinners \u201eLinda\u201c in Graz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kaum Frauenmonologe bei Shakespeare. Das stellt Bridget fest; das zeigt ein Blick in die Klassiker. Und wo Raum ist f\u00fcr junge Frauen, da bleibt keiner f\u00fcr alternde, da werden diese unsichtbar gemacht. Das St\u00fcck \u201eLinda\u201c m\u00f6chte das \u00e4ndern, die Figur Linda (Beatrix Doderer) m\u00f6chte das auch, aber ohne Shakespeare-Kritik.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist stolz darauf, attraktiv zu sein und erfolgreich, als Mutter und Marketingmanagerin f\u00fcr Kosmetika.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie m\u00f6chte die Welt verbessern, indem die Werbung Frauen ermutigt, sich nicht unsichtbar machen zu lassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie selbst ist davon aber ohnehin nicht bedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4ndert sich, als ihr Mann (Franz Solar) mit einer J\u00fcngeren (Natalja Joselewitsch) schl\u00e4ft, ihre Kampagne vom Chef (Franz Xaver Zach) abgelehnt wird und die junge Kollegin Amy (Sarah Sophie Meyer) \u00fcbernimmt. Die Sicherheit br\u00f6ckelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Linda bleibt nicht in einem Rollentyp gefangen, weder der&nbsp;<em>netten Alten&nbsp;<\/em>noch der&nbsp;<em>Hexe<\/em>, sie erregt Mitgef\u00fchl und darf w\u00fctend machen, wenn sie die psychischen Probleme ihrer \u00e4lteren Tochter Alice (Daria von Loewenich) klein redet und Bridget (Iman Tekele), die j\u00fcngere, quasi ignoriert. Beiden erkl\u00e4rt sie nur, wie \u201eh\u00fcbsch\u201c sie sind. Und klammert sich fest an ihrer eigenen Erz\u00e4hlung vom perfekten Leben.Dabei spricht sie in einem ihrer Vortr\u00e4ge selbst vom \u201eK\u00f6rperimage-Faschismus\u201c der ihre T\u00f6chter bedrohe \u2014 und der sie selbst zu bedrohen scheint, wenn sie geradezu wahnhaft ihre Figur beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Frauen sich in ihren Sorgen nicht gegenseitig unterst\u00fctzen sondern aneinander vorbei- oder gegeneinander anreden, ist die bittere Ironie der Handlung; gemeinsam k\u00f6nnten sie leicht die wenig bedrohlichen M\u00e4nnerfiguren \u00fcbertrumpfen. So aber wird keine davor gesch\u00fctzt, angreifbar zu sein, als Frau, als sexuell aktive Frau, als Frau mit Tr\u00e4umen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ensemble spielt auf durchwegs sehr hohem Niveau, neben Doderer gerade auch die T\u00f6chter. Sie alle schaffen das auch, wenn im Text ein Klischee das andere jagt. Die betrogene Frau putzt und sortiert Kleider, der Frust-Sex als junger Mitarbeiter Luke (Lukas Walcher) steht bereit und der Ehemann will Rocker werden. Doch die Lacher k\u00f6nnen nicht verdecken, wie tiefgreifend das Thema ist. Das sind die st\u00e4rksten Momente des Abends: wenn die Figuren aus sich selbst und der Text aus der Kom\u00f6dienform ausbrechen, pr\u00e4zise und ber\u00fchrend&nbsp;von Dominique Schnizer&nbsp;inszeniert. Alle Frauen verzweifeln irgendwann an ihrer Situation, Lindas zweiter Vortrag ist besonders beklemmend. Dank jener Szenen bleibt das unsch\u00f6ne Wissen: so ist es oft. So darf es nicht bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wei\u00dfe Drehb\u00fchne (Christin Treunert) in 7 R\u00e4umen bildet dabei die ganze Lebenswelt Lindas ab, w\u00e4hrend die \u201eStoned Rollings\u201c musikalisch untermalen (Joselewitsch, Garry Landschbauer, Bernhard Neumaier). Am Ende hat es keine der Frauen geschafft, sich wirklich zu entwickeln, auszubrechen, etwas zu verbessern. Statt der Kom\u00f6die des Abends bleibt die Trag\u00f6die der echten Welt.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Bettina Bolliger\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sichtbarkeit und die alternde Frau: Penelope Skinners \u201eLinda\u201c in Graz Es gibt kaum Frauenmonologe bei Shakespeare. Das stellt Bridget fest; das zeigt ein Blick in die Klassiker. Und wo Raum ist f\u00fcr junge Frauen, da bleibt keiner f\u00fcr alternde, da werden diese unsichtbar gemacht. 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