{"id":127,"date":"2019-06-14T09:50:26","date_gmt":"2019-06-14T09:50:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.dramatikerinnenfestival.at\/2018\/?p=127"},"modified":"2019-06-14T09:50:26","modified_gmt":"2019-06-14T09:50:26","slug":"freundliche-todesbefehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.dramatikerinnenfestival.at\/2018\/blog\/2019\/06\/14\/freundliche-todesbefehle\/","title":{"rendered":"Freundliche Todesbefehle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Gibt es noch eine Hemmschwelle, wenn Brutalit\u00e4t virtuell stattfindet? Wenn Gewalt ohne gegenseitige Blicke in verletzliche Augen ausge\u00fcbt wird? Diese Fragen stellt Regisseur Julian Hetzel mit seinem eindringlichen Schauspiel \u201eThe Automated Sniper\u201c dem Publikum des Dramatikerinnen-Festivals. Eine Antwort liefert die Auff\u00fchrung in Form eines eindrucksvollen Kriegsspiels.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p> Florian Karelly<\/p>\n\n\n\n<p>Eine heiter\nklingende Frauenstimme aus dem Off (Ana Wild) hei\u00dft das Publikum herzlich\nwillkommen und erkl\u00e4rt die Hard Facts zum weiteren Verlauf. Eine\nferngesteuerte, vollautomatische Waffe (Design Hannes Waldsch\u00fctz) schie\u00dft von\nder Decke herabh\u00e4ngend Farbkugeln auf die vollkommen wei\u00dfe B\u00fchne \u2013 und auf die\ndie beiden Schauspieler. Das Publikum wird dazu eingeladen, am Spiel\nteilzunehmen, indem es die Waffe steuert. Noch wirkt alles humorvoll und\nnonchalant. Also lasst uns spielen &#8211; Freiwillige vor!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Level 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nfreundliche Stimme aus dem Off bringt dem ersten Mitspieler die Bedienung der\nautomatisierten Waffe nahe. Mittels Joysticks und Kn\u00f6pfen wird die Maschine aus\neinem f\u00fcr Publikum und Schauspieler nicht ersichtlichen Raum gesteuert und\nabgefeuert. Im Sinne eines Tutorials lernt der Freiwillige das Zielen, das\npr\u00e4zise Schie\u00dfen und wie viel Spa\u00df es machen kann, Krieg zu spielen. Die wei\u00dfen\nW\u00e4nde des sterilen B\u00fchnenbilds bekommen dadurch Farbe verliehen, auch die\nRequisiten, wie St\u00fchle, Satellitensch\u00fcsseln und Plexiglasscheiben werden\nbeschossen. Nach dem Tutorial tritt der Spieler aus dem abgetrennten Raum\nwieder hervor. Es gibt Applaus!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Level 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nfreundliche Stimme aus dem Off w\u00e4hlt erneut einen Freiwilligen aus. Die n\u00e4chste\nAufgabe besteht darin, s\u00e4mtliche Objekte auf der B\u00fchne zu zerschie\u00dfen. Die\ngro\u00dfartigen Performer \u2013 Bas van Rijnsoever und Claudio Ritfeld \u2013 setzen bereits\nSchutzmasken auf, doch diese werden noch nicht ben\u00f6tigt. Die Lage wird\nangespannter, erzeugt durch eine bedrohlich klingende Soundkulisse und die\nallm\u00e4hlich beunruhigende Stimme. Die Mission gl\u00fcckt. Applaus!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Level 3<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>N\u00e4chstes\nZiel der ferngesteuerten Waffe sind nun die beiden Schauspieler. Der Sch\u00fctze\naus dem Publikum z\u00f6gert ein wenig, aber die Stimme aus dem Off klingt doch so\nbestimmt und vertraulich. Warum also nicht schie\u00dfen? Zwei Sch\u00fcsse ins Gesicht,\ndanach unz\u00e4hlige Sch\u00fcsse auf die fliehenden, sich Deckung suchenden Opfer. Als\nTeil des Publikums ist man sich nicht sicher, ob es sich noch geziemt, an\ndiesem Spiel gefallen zu finden. Doch die Mission gl\u00fcckt, also Applaus!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Next\nLevel Shit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nmittlerweile aufgrund ihrer Freundlichkeit pervers anmutende Stimme stellt den\nn\u00e4chsten Spieler vor: einen Profi-Gamer in und aus Bagdad. Aus einem Zimmer im\nNahen Osten steuert er die Waffe und feuert hunderte Kugeln auf die hilflosen\nSchauspieler ab. Beinahe jeder Schuss trifft, obwohl er sich tausende Kilometer\nentfernt aufh\u00e4lt. Sein Gesicht wird auf die W\u00e4nde projiziert, das Publikum kann\nihn h\u00f6ren und sehen. Nach einem regelrechten Farbkugelmassaker bricht die\nVerbindung in den Irak ab, doch das Spiel ist noch nicht zu Ende: Die\nProjektionen des Profispielers laufen flie\u00dfend in reale Drohnenaufnahmen \u00fcber.\nNun sterben echte Menschen, geschossen wird nicht mit Farbkugeln, sondern mit\nscharfer Munition. Aus Spa\u00df wird Ernst, aus Spiel wird Krieg. Und das Publikum\nsieht weiterhin zu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Make Art\nGreat Again<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was am Ende\nvon der B\u00fchne \u00fcbrig bleibt, ist ein buntes Schlachtfeld, ein farbiges Denkmal\nan moderner Kriegsf\u00fchrung. Die Performer schreiben mit schwarzer Spr\u00fchfarbe\n\u201eMake Art Great Again\u201c an die Wand &#8211; eine Kriegserkl\u00e4rung an den Krieg. Dem\ninternational gefeierten K\u00fcnstler Julian Hetzel und seinem Team gelingt mit\n\u201eThe Automated Sniper\u201c ein gelenkiger Spagat zwischen kritischem Pamphlet und\nspannendem Spiel. Das Gastspiel des Frascati Theater Amsterdam beschw\u00f6rt mit\ndem Theaterspiel Kunst zu einer moralischen Norm und verbl\u00fcfft damit das Grazer\nPublikum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es noch eine Hemmschwelle, wenn Brutalit\u00e4t virtuell stattfindet? Wenn Gewalt ohne gegenseitige Blicke in verletzliche Augen ausge\u00fcbt wird? Diese Fragen stellt Regisseur Julian Hetzel mit seinem eindringlichen Schauspiel \u201eThe Automated Sniper\u201c dem Publikum des Dramatikerinnen-Festivals. Eine Antwort liefert die Auff\u00fchrung in Form eines eindrucksvollen Kriegsspiels. 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