Die Sterne der Europaflagge wackeln

Die „Europäische Familie“ plädiert gerne für die Wichtigkeit des menschlichen Lebens und rühmt sich mit einem ausgeglichenen Zusammenhalt innerhalb des Staatenbündnisses. In „Requiem für Europa“ versucht die moldawische Autorin Nicoleta Esinencu durch nahegehende Erzählungen diesen Selbstruhm zu widerlegen. Das Schauspielhaus öffnet seine Türen für eine Kooperation zwischen Chişinău und Graz, die unter die Haut geht.

„Idiotule“, „You fucking idiot“. Zweisprachig wird das impulsive Stück mittels Beschimpfungen eröffnet. Um die Authentizität zu wahren, schildern die drei Schauspieler (Doriana Talmazan, Kira Semionov, Artiom Zavadovsky) ihre heimischen Arbeitserfahrungen in ihrer Muttersprache, Rumänisch. Englische Untertitel begleiten das Gesagte.

Es wird von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und rücksichtslosem Betrug durch die Arbeitgeber in Moldawien erzählt. Sprachliche Bilder veranschaulichen die Umstände und lassen den Zuschauer im Schock zurück. Und mit schlechtem Gewissen, denn die tagebuchartigen Erzählungen strapazieren das eigene Empathie-Zentrum. Immerhin trägt die Mehrheit zu einer derartigen Ausbeutung ärmerer Länder bei. Mächtige Großkonzerne dominieren den billigen Arbeitsmarkt, der Profit-Rausch lässt keinen Platz für Menschlichkeit. Und dennoch will die Europäische Union ihr Bild von gegenseitiger Unterstützung und Gerechtigkeit wahren. Auf die Forderung nach angemessenen Arbeitszeiten und verlässlicher Bezahlung reagiert man seitens des Parlaments lediglich mit dem Hashtag #strongertogether.

Die Licht – und Tonstimmung wechselt mit dem Emotionen der Schauspieler und betont somit noch intensiver die Dringlichkeit der Situation. Schrill, blinkend, hell – um das Unangenehme zu betonen. Schleppend, blau, schwach – wie die ausgelaugten Protagonisten. Doch die Opferrolle einzunehmen ist nicht ihr Ziel. Sie wirken energisch, entschlossen, erregt. Deutlich wird diese erschöpfte Erregtheit, wenn sie beginnen im Gleichtakt auf ihren Nähmaschinen zu rattern. Drei Nähmaschinen und Lichtinstallationen bilden die karg-wirkende Kulisse, die trotz weniger Elemente ihren Zweck erfüllt.

Der unangenehme Druck, der von den Worten der Protagonisten begründet wird, lässt keinen Zuschauer in seiner Komfortzone verweilen. Die Mahnungen appellieren an unser Bewusstsein und sollen zu einer Sensibilisierung unserer Wahrnehmung führen. Ein bislang verborgener Europa-Komplex, der durch eine knapp zweistündige Schimpftirade durchaus begründet wird, rückt mit „Requiem für Europa“ ins Rampenlicht. Mit „Mulțumesc șefule“/“Thank you, boss“, verabschiedet sich die moldawische Gruppe „teatru-spălătorie“ von der Bühne und hinterlässt ein schuldbewusstes, betroffenes Publikum.

Von Johanna Höfferer

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